The Journal —

Lebensfragen

Wie ist es für dich, ganz du selbst zu sein?

By

Sebastian

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Ich war nie ich.

Neulich hat Olli mich gefragt, ob ich etwas über das Thema „man selbst sein“ schreiben möchte.

Meine erste Antwort war:

„Das mit dem man selbst sein ist zu hart, Olli.“

Dann habe ich zwei Tage darüber nachgedacht.

Und irgendwann habe ich ihm geschrieben:

„Mir wird bewusst, dass ich eigentlich nie ich selbst sein konnte.“

Nicht als kleines Kind.

Man versucht, den Eltern gerecht zu werden.

In der Grundschule muss man sich sowieso irgendwie anpassen.

In der Familie hatte ich meine Rolle.

Im Berufsleben auch.

Mit Frauen auch.

Und irgendwann kam dieser Gedanke:

Olli, ich war NIE ich.

Das ist schon irgendwie krass.

Oder?

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr frage ich mich allerdings, ob dieses „man selbst sein“ vielleicht sowieso eine ziemlich schwierige Sache ist.

Was soll das überhaupt sein?

Dieses reine, ursprüngliche Ich.

Wo finde ich das?

Sobald ich mit anderen Menschen zusammen bin, verändert sich etwas.

Ich nehme Rücksicht.

Ich mache Kompromisse.

Ich passe mich an.

Mal freiwillig.

Mal, weil es gar nicht anders geht.

Im Beruf.

In Beziehungen.

In der Familie.

Eigentlich überall.

Und wenn ich überhaupt keine Kompromisse mache, bin ich vielleicht ziemlich schnell allein.

Also was bedeutet es eigentlich, ich selbst zu sein?

Vielleicht gibt es gar kein „Ich“, das irgendwo tief in mir sitzt und nur darauf wartet, endlich befreit zu werden.

Vielleicht entsteht dieses Ich immer wieder neu.

Je nachdem, wo ich gerade bin.

Mit wem ich gerade spreche.

Und was das Leben gerade von mir verlangt.

Manchmal erinnert mich das an Schrödingers Katze.

Sie ist gleichzeitig tot und lebendig.

Zwei widersprüchliche Zustände.

Und trotzdem sind beide irgendwie da.

Vielleicht bin ich auch gleichzeitig ich selbst und nicht ich selbst.

Je nachdem, von welcher Seite man gerade schaut.

Das klingt jetzt vielleicht ziemlich kompliziert.

Ich glaube aber, mein eigentliches Gefühl ist ganz einfach:

Wenn ich wirklich ganz ich selbst sein will, dann muss ich allein sein.

Arthur Schopenhauer hat das ziemlich radikal formuliert:

> „Ganz er selbst sein darf jeder nur solange er allein ist.“

Und weiter:

> „Nur wenn man allein ist, ist man frei.“

Das ist hart formuliert.

Aber ich verstehe, was er meint.

Sobald andere Menschen da sind, entsteht Beziehung.

Und Beziehung bedeutet auch immer, dass etwas zwischen zwei Menschen ausgehandelt werden muss.

Du kannst nicht einfach nur du sein.

Ich kann nicht einfach nur ich sein.

Sonst wird es schwierig.

Also machen wir Kompromisse.

Und vielleicht sind diese Kompromisse manchmal so selbstverständlich, dass wir irgendwann gar nicht mehr merken, wer wir eigentlich ohne sie wären.

Schopenhauer schreibt auch, dass die Einsamkeit eine Quelle von Glück und Gemütsruhe sein könne. Und ich glaube, da ist etwas dran. (Projekt Gutenberg)

Wenn ich allein bin, muss ich niemandem erklären, warum ich gerade still bin.

Ich muss niemanden unterhalten.

Ich muss keine Rolle erfüllen.

Ich kann einfach sein.

Vielleicht ist das die einzige Situation, in der ich zumindest herausfinden kann, was überhaupt von mir übrig bleibt, wenn gerade niemand etwas von mir will.

Aber Olli hat mir dazu eine Frage gestellt, auf die ich noch keine Antwort habe.

Er fragte mich, ob das nicht zu klein gedacht sei.

Denn wenn ich immer nur allein bin – woher weiß ich dann eigentlich, wer ich bin?

Vielleicht brauche ich andere Menschen ja gerade, um mich selbst kennenzulernen.

Um zu merken, welche Kompromisse sich gut anfühlen.

Und welche nicht.

Bei welchen Menschen ich mich kleiner mache.

Und bei welchen ich plötzlich größer werde.

Vielleicht kann ich erst durch die Begegnung mit anderen feststellen, wo ich mich verliere.

Und wo ich mich finde.

Ehrlich gesagt, weiß ich es noch nicht.

Vielleicht muss ich darüber noch ein bisschen nachdenken.

Aber vielleicht ist genau das ja der Punkt.

„Man selbst sein“ ist möglicherweise kein Zustand, den man irgendwann erreicht.

Vielleicht ist es eher eine Frage, die einen ein Leben lang begleitet.

Wer bin ich, wenn niemand zusieht?

Und wer bin ich, wenn jemand bei mir ist?

Vielleicht ist die Antwort irgendwo dazwischen.

Oder – ganz nach Schrödingers Katze – vielleicht ist sie beides gleichzeitig.

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