The Journal —

Reisen

Reise von Mensch zu Mensch – und dabei immer auch ein Stück zu sich selbst.

By

Peter

8

Min Read

Ich habe mein Geld immer lieber für die Welt ausgegeben als für Dinge.

Wenn ich Geld hatte, bin ich gereist. Und manchmal bin ich auch gereist, obwohl ich eigentlich gar nicht so viel Geld hatte. Ich wollte etwas sehen, erleben, andere Menschen kennenlernen. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich etwas verpassen könnte, wenn mein Leben irgendwann nur aus Arbeiten und Geldverdienen besteht.

Vielleicht war das Reisen deshalb für mich auch nie nur eine Reise von einem Ort zum anderen. Es war immer eine Reise von Mensch zu Mensch.

Angefangen hat das schon, als ich elf Jahre alt war. Mein Bruder und ich fuhren für vier Wochen nach Amrum in eine Jugendherberge. Zwei Jahre später noch einmal. Für mich war das damals schon etwas Besonderes: weg von zu Hause, andere Menschen, eine andere Welt.

Als Jugendliche sind wir dann mit sehr wenig Geld unterwegs gewesen. Manchmal hatten wir eigentlich nur das Geld für die Zugfahrt. Gegessen wurde, was günstig war – oder was eine Bäckerei am Ende des Tages übrig hatte.

Dabei habe ich etwas gelernt, was mich bis heute begleitet:

Man braucht erstaunlich wenig, um unterwegs zu sein.

Später ging es nach Griechenland. Sechs Wochen, Inselhopping, manchmal am Strand schlafen. Santorini, Samos, Ios. Blaues Meer, blauer Himmel, weiße Häuser, Open-Air-Discos. Und vor allem: Menschen aus allen möglichen Ländern.

Man begegnet sich irgendwo auf einer Insel, verbringt ein paar Tage miteinander, erzählt sich Geschichten und zieht irgendwann wieder weiter. Manche Menschen sieht man nie wieder. Andere bleiben einem ein Leben lang im Gedächtnis.

Und irgendwann merkt man: Auch das ist Reisen.

Nicht nur die Landschaften bleiben. Die Begegnungen bleiben.

1978 ging es dann weiter hinaus: Indien, Thailand, die Philippinen, Japan. Japan konnte ich auch deshalb erleben, weil meine Schwester Japanologie studierte und dort lebte. Durch sie und durch meine Beschäftigung mit Meditation kamen noch einmal ganz andere Welten dazu.

Besonders Thailand hat mich tief berührt. Das Land, die Menschen, die Gerüche, die tropischen Blumen, der Jasmin. Ich habe mich dort immer sehr wohlgefühlt. Und schließlich habe ich dort auch meine spätere Frau kennengelernt. Unsere Tochter ist dort geboren.

Wenn ich heute darüber nachdenke, war das vielleicht eine der wichtigsten Reisen meines Lebens.

Denn irgendwann wird aus einer Reise zu einem anderen Ort eine Reise in ein anderes Leben.

Auch auf Amrum habe ich später immer wieder mehrere Monate im Jahr gearbeitet. Dort kamen ständig neue Menschen vorbei. Gäste, mit denen man ein paar Tage oder Wochen verbringt. Manche Begegnungen sind ganz flüchtig. Andere entwickeln sich zu Freundschaften, die Jahrzehnte halten.

So gesehen ist das ganze Leben eine Reise.

Wir fahren irgendwohin, kommen an, treffen Menschen, verabschieden uns wieder und nehmen etwas mit. Manchmal nur eine Erinnerung. Manchmal eine neue Sicht auf die Welt. Manchmal verändert eine Begegnung sogar das ganze weitere Leben.

2015 war ich in Nepal, als das große Erdbeben kam. 7,8 auf der Richterskala, mehr als 10.000 Tote. Kathmandu sah teilweise aus wie nach einem Krieg.

Auch solche Erfahrungen gehören zum Reisen. Es ist eben nicht immer nur schön. Man setzt sich dem Leben aus. Man erlebt Dinge, die man vorher nicht kennt und vielleicht auch gar nicht kennen wollte.

Aber genau das macht für mich Reisen aus.

Ich möchte nicht irgendwann zurückblicken und feststellen, dass ich zwar viel besessen, aber wenig erlebt habe.

Ich gebe mein Geld deshalb lieber für die Welt aus als für ein neues Auto.

Denn Dinge können irgendwann kaputtgehen oder verloren gehen. Die Erfahrungen bleiben.

Die Menschen, die man getroffen hat. Die Geschichten, die man gehört hat. Die Orte, an denen man gewesen ist. Und manchmal auch die Erkenntnis, dass man selbst unterwegs ein anderer geworden ist.

Vielleicht ist das die eigentliche Reise:

eine Reise von Mensch zu Mensch – und dabei immer auch ein Stück zu sich selbst.

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